Jedes Jahr veröffentlichen die großen Cybersecurity-Anbieter ihre Prognosen für die kommenden zwölf Monate. Für 2026 zeichnet sich ein durchgängiges Muster ab: Künstliche Intelligenz bestimmt die Agenda – als Angriffswerkzeug, als Verteidigungsinstrument und als eigenständiger Risikobereich. AIFence hat die wichtigsten Vorhersagen zusammengetragen und eingeordnet.
Palo Alto Networks: Sechs Prognosen, ein roter Faden
Palo Alto Networks, einer der weltweit führenden Sicherheitsanbieter, hat seine Vorhersagen 2026 in sechs Kernthesen gebracht, veröffentlicht unter anderem in der Harvard Business Review:
- AI Identity Crisis: Deepfake-CEOs werden zur realen Bedrohung. KI-generierte Stimmen und Videokonferenzteilnehmer lassen sich kaum noch von echten Personen unterscheiden. Identität wird zum „primary battleground“ der KI-Ökonomie.
- AI Agents als neuer Insider-Threat: Autonome KI-Agenten agieren mit Berechtigungen, treffen Entscheidungen und greifen auf Systeme zu – aber ohne menschliches Urteilsvermögen. Damit entsteht eine neue Kategorie von Insider-Risiken, die klassische IAM-Systeme nicht abdecken.
- Data Trust Problem: Unternehmen, die KI-Modelle mit eigenen Daten trainieren, müssen die Integrität dieser Daten gewährleisten. Data Poisoning wird zum strategischen Angriffsvektor.
- AI Risk & Executive Accountability: Vorstände werden persönlich für KI-Risiken haften. Die Zeiten, in denen KI-Projekte ohne Risikobeurteilung gestartet wurden, sind vorbei.
- Quantum Imperative: Post-Quantum-Kryptographie rückt von der Theorie in die Umsetzung. Unternehmen müssen jetzt mit der Migration beginnen.
- Browser als neuer Arbeitsplatz: Mit der Verlagerung von Anwendungen in den Browser wird dieser zum primären Angriffsvektor – und zum primären Schutzpunkt.
Palo Alto bringt damit auf den Punkt, was sich bereits in den Deals zwischen Palo Alto und CyberArk abzeichnete: Identitätssicherheit für KI-Agenten wird zum Milliardenmarkt.
Zscaler: Zero Trust muss auf AI Agents ausgeweitet werden
Zscaler-CISO James Tucker formuliert drei zentrale Thesen: Zero Trust muss sich von einem statischen Architekturprinzip zu einem dynamischen System weiterentwickeln. Deception Technologies – also Honeypots und Täuschungsobjekte – erzeugen „Negative Trust“, die Angreifer in Fallen lockt. Und AI Agents müssen als Erweiterung der Belegschaft behandelt werden, mit eigenen Identitäten, Berechtigungen und Audit-Trails. Details dazu in unserer separaten Zscaler-Analyse.
Fortinet: GPS-Störung, KI-Threat-Intelligence und sichere AI-Rechenzentren
Fortinet setzt drei Akzente: GPS-Interferenz wird zur Standardpraxis in der Cyberkriegsführung – mit direkten Auswirkungen auf Logistik, Luftfahrt und kritische Infrastrukturen. KI-gestützte Threat Intelligence wird zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal zwischen Anbietern. Und die rasant wachsende Nachfrage nach KI-Rechenleistung erfordert ein neues Konzept: Secure AI Data Centers, die nicht nur Verfügbarkeit, sondern auch Datenintegrität und Modellsicherheit gewährleisten.
Google Cloud: Staatliche Akteure haben KI zum Standard gemacht
Der Google Cloud Cybersecurity Forecast 2026 enthält eine prägnante Kernaussage: „Threat actor use of AI has transitioned from the exception to the norm.“ Russland manipulierte 2025 Wahlen in Polen, Deutschland und Moldawien mithilfe KI-generierter Desinformation. China intensiviert Cyber-Spionage gegen westliche Infrastrukturen. Unsere ausführliche Analyse des Google-Forecasts beleuchtet die geopolitischen Dimensionen.
Stimmen aus der Branche: Defender Advantage und Agentic SOC
Nicole Reineke von N-able bringt einen optimistischen Kontrapunkt: „Defenders can overlook the entire playing field.“ Während Angreifer punktuell agieren, haben Verteidiger den Systemkontext. Dieser Defender Advantage werde 2026 durch KI-gestützte Korrelation erstmals operativ nutzbar.
Ensar Seker von SOCRadar prognostiziert den Durchbruch von Agentic AI in DevSecOps: Autonome Agenten, die Code scannen, Schwachstellen priorisieren und Patches vorbereiten – ohne manuelle Eingriffe. Das birgt Effizienzgewinne, aber auch die Risiken, die wir in unserer Analyse zu Zero Trust für AI Agents beschreiben.
Anurag Gurtu von Airrived geht noch weiter: Bis Ende 2026 werden über 30 Prozent der SOC-Workflows von KI-Agenten gesteuert. Das Security Operations Center wird damit zum hybriden Arbeitsplatz, in dem Menschen und Maschinen Seite an Seite operieren.
Der Markt wächst rasant
Die Zahlen untermauern die strategische Bedeutung: Der globale Cybersecurity-Markt erreichte 2025 ein Volumen von 218,98 Milliarden US-Dollar. Bis 2032 soll er auf 562,77 Milliarden wachsen – mehr als eine Verdopplung in sieben Jahren. KI-Sicherheit ist der am schnellsten wachsende Teilsektor.
Fazit: 2026 wird das Jahr der KI-Sicherheitsarchitekturen
Die Prognosen der großen Anbieter konvergieren: KI-Agenten als Insider-Threat, Deepfakes als Identitätswaffe, staatliche KI-Angriffe als Normalität. Der Konsens ist klar – 2026 entscheidet sich, ob Unternehmen KI-Sicherheit als strategische Disziplin etablieren oder von der Entwicklung überrollt werden. Wer sich einen Überblick über die aktuelle AI Security Landscape 2026 verschaffen will, findet bei uns eine Einordnung.
Quellen
- Palo Alto Networks – Cybersecurity Predictions 2026, Harvard Business Review
- Zscaler – Cybersecurity Trends 2026 (Euro Security)
- Fortinet – 2026 Threat Predictions Report
- Google Cloud – Cybersecurity Forecast 2026
- N-able, SOCRadar, Airrived – Expert Predictions (diverse Interviews, Januar 2026)
- Grand View Research – Cybersecurity Market Size Report 2025–2032